Sleep Concert Galerie Eigenheim Teaser pre1
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Konzept

Grundlegendes

 

Das Schlafkonzert ist eine besondere Konzertform und eine außergewöhnliche Musikerfahrung: Die Dauer des Konzerts liegt zwischen 8 und 12 Stunden, das Publikum verbringt die Nacht am Konzertort und ist dazu eingeladen sich hinzulegen. Leitgedanke ist es einen anderen und tieferen Zugang zu Musik zu ermöglichen als dies im Alltag möglich ist. Zentral hierfür ist der Hypnagogische Zustand: Das Zwischenstadium von Wachsein und Schlaf, in dem Bewusstsein und Unterbewusstsein sich die Waage halten und der Traum sich in die Wahrnehmung zu mischen beginnt. Dieser Zustand, der normalerweise nur kurz und im Übergang erlebt wird ist äußerst empfänglich für künstlerische Erfahrungen und ermöglicht profunde Erkenntnisse und inneres Erleben. Das Gehirn ist hochaktiv und Gedanken können sich auf neue und andere Weise verknüpfen, weniger strukturiert doch oft klarer als im Traum. Der Rahmen und die Musik meiner Schlafkonzerte zielen auf das Erreichen und Verlängern dieses Zustandes ab, auf wiederholtes Ab- und Auftauchen aus unseren Träumen. Zeitlos, kathartisch, herausfordernd, tief entspannend; all das sind Schlafkonzerte.

Musikalisches Konzept

 

Schlafmusik dient gleichermaßen als Leitstern wie als Hintergrund der während des Konzerterlebnisses frei fließenden Gedanken, Träume und Assoziationen. Sie gleicht einer am Zugfenster vorbeiziehenden Landschaft die sich langsam und unmerklich verändert, sie gibt den Gedanken und der Aufmerksamkeit Halt. In einer diffizilen Balance zwischen Konzentration und Dispersion unterstützt sie den hypnagogischen Zustand und hält den Geist am Rande des Wachseins. Instrumente, Feldaufnahmen und Synthesizer, bekannte und unbekannte Geräusche werden zu einer zeitlosen Klanglandschaft verwoben, wechseln sich ab, verwandeln sich ineinander. Die Maßeinheit dieser Musik sind nicht Takte oder Sekunden sondern Minuten und Stunden. Die Musik löst die physischen Wände des Ortes auf, sie schafft einen neuen Raum in dem alles möglich ist und in dem Phantasie und Wahrnehmung nicht länger getrennt sind.

Klang erleben

 

Ein Saal mit dutzenden Menschen ist unvermeidlich niemals völlig still. Atmen, Rascheln, Schritte, Flüstern, all dies lässt uns die Anwesenheit anderer Menschen wahrnehmen. Dazu gesellen sich die Laute der Umgebung: ein Auto fährt vorbei, Regen trommelt an einer Scheibe, in der Ferne bellt ein Hund.. die Musik eines Schlafkonzertes ist leise genug um diesen feinen Klängen Platz zu bieten und begreift sie nicht als Störung sondern als gleichberechtigten Teil der Erfahrung neben der komponierten Musik. Die Klänge des Lautsprechers und die des Ortes verbinden sich und fordern unsere Vorstellung von dem was „zur Musik gehört“ heraus. So lädt das Schlafkonzert dazu ein sich seiner klanglichen Umgebung und auch alltäglich anmutenden Geräuschen mit neuen Ohren zu nähern, die Wahrnehmung zu schärfen und zu erweitern.

Gemeinschaftliches Schlafen

In einem separierten Raum allein zu schlafen ist ein historisch gesehen relativ junges Phänomen, ebenso wie die Idee eines ununterbrochenen 8-stündigen Nachtschlafs. Für den weitaus überwiegenden Teil der menschlichen Geschichte schliefen Menschen gemeinschaftlich, in Familien- oder Stammesgruppen. Das Schlafkonzert nähert sich dieser fundamental menschlichen Erfahrung an. Geräusche, Bewegungen, überhaupt die Präsenz anderer, fremder Menschen wahrzunehmen während wir liegen, ja sogar schlafen ist eine zunächst ungewohnte, vielleicht auch herausfordernde Erfahrung. Sie hat jedoch auch eine tief beruhigende Komponente und fügt sich in die Konzeption des Schlafkonzertes ein; der Schlaf wird ruhiger, aber auch leichter, gelegentliches Erwachen und auch längere Wachphasen sind nicht ungewöhnlich. Dies entspricht dem anthropologisch „normalen“ Schlafrhythmus den wir auch heute noch bei Menschengruppen, deren Leben nicht von der Uhr bestimmt wird, finden können.

Traditionslinien

Das Schlafkonzert in dieser Form wurde von dem US-Amerikanischen Musiker Robert Rich in den achtziger Jahren geprägt und durch seinen musikalischen Stil nachhaltig beeinflusst. Doch gibt es auch weitaus ältere Traditonen nächtelanger Konzert- oder Performanceerfahrungen in außereuropäischen Kulturräumen, wie etwa die marokkanische Gnawa-Musik oder das balinesische Schattentheater. Mein Konzertformat versteht sich als Weiterführung dieser Traditionen unter Einbeziehung der Techniken und Perspektiven Elektronischer und Akusmatischer Musik. Bezugnehmend auf KomponistInnen wie Eliane Radigue und Morten Feldmann schafft das Schlafkonzert eine Gesamterfahrung aus Klang, Raum und Zeit.

 

Impressionen

Kirche St. Gertrud, Köln, 23.04.2022

Notenbank Weimar, 27.02.2019

Galerie Eigenheim, 19.09.2020